Zitrustage

Wieso haben Süße Orangen und Grapefruit botanisch denselben „Nachnamen“, aber nicht dieselben Eltern? Botaniker haben zu diesem Thema einen anderen Zugang als Gärtner. Bei der Sonderausstellung der heurigen Wiener Zitrustage werden die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse von Citrus näher beleuchtet.

Gattungs- und Artgrenzen der Zitruspflanzen haben Botaniker lange beschäftigt – und ein Ende zeichnet sich nicht ab. Während die Wildarten der in Asien heimischen Pflanzen bei uns nach wie vor weitgehend unbekannt sind, reduziert sich die Zahl der Kulturarten drastisch, obwohl immer mehr unterschiedliche Zitrusfrüchte ihren Weg in den heimischen Lebensmittelhandel finden.

Doch es sind nur drei Arten, Zitronat-Zitrone (Citrus medica), Echte Mandarine (Citrus reticulata) und Pampelmuse (Citrus maxima), die für diese Vielfalt verantwortlich zeichnen. Clementinen, Satsumas, Orangen, Pomeranzen, Grapefruits und Pomelos sind Kreuzungen und Rückkreuzungen aus Echter Mandarine und Pampelmuse. Von vielen Botanikern werden sie daher heute trotz ihrer Unterschiedlichkeit alle unter C. × aurantium geführt. Bei Gärtnern sind sie dagegen unter verschiedenen Namen zu finden.

Tripelbastarde

Aber es geht noch komplizierter. An den im Handel erhältlichen Zitronen und der Bergamotte ist sogar noch ein dritter Elternteil, die Zitronat-Zitrone beteiligt. Es handelt sich also um Tripelbastarde, die heute unter C. × limon zusammengefasst werden. Interessanterweise sind Hybriden zwischen Pampelmuse und Mandarine in ihrem Aussehen und Geschmack sehr unterschiedlich. Nachkommen der Zitronat-Zitrone dagegen, egal ob Tripelbastarde, Hybriden mit Echter Mandarine oder Pampelmuse oder auch mit völlig anderen Arten, weisen viel geringere Unterschiede auf, da die Eigenschaften der Zitronat-Zitrone immer im Vordergrund stehen. Obwohl die Nachkommen der Zitronat-Zitrone sich so ähnlich sind, haben sie unterschiedliche wissenschaftliche Namen, weil sie so unterschiedliche Eltern haben.

Botanische und gärtnerische Systematik

Clementinen, Satsumas, Orangen, Pomeranzen, Grapefruits und Pomelos werden in eigene Sortengruppen gestellt. So gehören z.B. Clementinen botanisch zur Citrus×aurantium Clementine-Gruppe, Satsumas zur Citrus×aurantium Satsuma-Gruppe, aber Tangerine zu Citrus×tangerina. Für den Gärtner ist dieses System jedoch nicht allzu praktikabel. Dass im Namen von Clementinen und Satsumas nicht die enge Verwantdschaft mit der Echten Mandarine (C. reticulata) erkennbar ist, kann man noch hinnehmen. Dass allerdings nun Clementine und Satsuma dem botanischen Namen nach optisch und geschmacklich so verschiedenen Sortengruppen wie Grapefruit (C.×aurantium Grapefruit-Gruppe), Süße Orange (C.×aurantium Orangen-Gruppe) und Pomeranze (C.×aurantium Bitterorangen-Gruppe) gleichwertig zur Seite stehen, erscheint unlogisch.

Natürlich kann man gärtnerisch anders als botanisch einteilen. Es fragt sich nämlich, wie sinnvoll eine botanische Einteilung ist, anhand derer sich keine Aussage mehr über die Pflanze treffen lässt. Schließlich war die Suche nach dem „natürlichen System“ auch immer von dem Wunsch beseelt, anhand der Einteilung auch Aussagen über die Pflanzen treffen zu können. Die derzeitige phylogenetische Systematik, also eine ausschließlich auf Verwandtschaftsverhältnissen beruhende Einteilung, steht diesen Bemühungen entgegen. Wenn Gärtner von Mandarinen im weiteren Sinn, also C. reticulata und ihren Hybriden, oder auch von C.×aurantium, also Pomeranzen sprechen, weiß ich, was ich mir jeweils darunter vorstellen muss. Sprechen jedoch phylogentische Systematiker von C.×aurantium, kann ich mich überraschen lassen, ob ich davon eine mir schmeckende Frucht (Clementine) oder nicht (Bitterorange) erhalten werde.

Wilde Verwandte

Während bei den Kultursippen von Citrus zumindest die Verwandtschaft recht zuverlässig geklärt ist, sind die Gattungsgrenzen noch nicht ganz klar. Die Wildarten sind nämlich auch recht vielgestaltig. Dass Fortunella, Microcitrus und Eremocitrus keinerlei Berechtigung haben und ihre Ausgliederung aus Citrus schon immer auf schwachen Beinen stand, spricht sich langsam herum. Doch wie steht es um die Gattungen Clymenia und Oxanthera? Die Datenlage ist noch widersprüchlich, die Unterschiede zu Citrus eigentlich vernachlässigbar. Da beide Gattungen in Kultur bei uns bedeutungslos sind, können wir uns entspannt zurücklehnen.

Poncirus

Aber eines interessiert uns doch: Wie steht es um Poncirus? Hier handelt es sich mittlerweile eindeutig um eine Schwestergruppe zu Citrus. Das heißt: Ob sie eine eigene Gattung ist oder Citrus einverleibt wird, ist reine Geschmackssache. Nicht mehr und nicht weniger. Die uns bekannte der beiden Arten der Gattung weicht nicht nur durch die gattungstypische Dreizähligkeit der Blätter, sondern auch durch herbstlichen Laubverlust ab. Letzteres ist eine ökologische Anpassung der einen Art und kein Argument zur Gattungstrennung. Die beiden wichtigsten Argumente sind gegenläufig. Zum einen ist man in der systematischen Botanik bestrebt, möglichst wenige Namensänderungen herbeizuführen. Das spricht für Poncirus. Zum anderen ist es aber auch absurd, wenn es Gattungshybriden in großer Zahl gibt. Und in der Züchtung frostharter und rascher reifender Zitrusfrüchte spielt Poncirus eine große Rolle. Es gibt inzwischen alle Übergänge zwischen den Gattungen und viele Gattungshybriden sind nicht mehr als solche erkennbar, müssen aber korrekt als Gattungshybriden geführt werden. Dies ist eine völlig unbefriedigende Situation, die für eine weite Fassung von Citrus spricht. Und es wäre ja nur eine einzige für uns relevante Art, die den Namen wechseln müsste.

Diese Diskussionen, die Forschungsarbeit dahinter und die Verwandtschaftsverhältnisse wollen wir bei den heurigen Wiener Zitrustagen genauer unter die Lupe nehmen und überlegen, was die Konsequenzen sein können.

Gregor Dietrich