Zitrusvirus

„Sind die echt?“ „Ich glaube nicht.“ „Ich glaub´ schon!“ Das Ehepaar vor meinem Gartenzaun diskutierte gerade über die 17 reifen, in leuchtendem Gelb strahlenden Früchte meines Citrus volkameriana-Bäumchens, als ich gerade nach Hause kam. Mit stolz geschwellter Brust erklärte ich ihnen, dass die selbstverständlich echten Früchte ein Teil meiner kleinen, 24 Pflanzen und 20 Arten bzw. Sorten umfassenden Zitrussammlung sind. Offensichtlich ist die Kunde meiner Zitrusleidenschaft auch bis in die Nachbarortschaft gedrungen, denn eines sonntäglichen Vormittags stand eine mir unbekannte, sehr verlegene Hausfrau vor meiner Türe, die mich um eine Zitrone bat. Ein besonders schönes Exemplar einer Citrus limon ’ Lunario’ rettete das Schnitzelmahl ihrer Familie.

Wenn man, so wie ich und viele meiner Leidensgenossen, die Sammelleidenschaft für Zitrusgewächse als unheilbare Krankheit betrachtet,
dann habe ich mich während meiner aktiven Zeit als Direktor der Bundesgärten bereits bei meinem ersten Besuch der beeindruckenden historischen Zitrussammlung in Schönbrunn infiziert. Während der langen Inkubationszeit zeigten sich erste Symptome in Form von häufigeren Besuchen der Sammlung, als dies dienstlich notwendig gewesen wäre. Zum vehementen Ausbruch der Krankheit kam es allerdings erst nach der räumlichen Trennung durch meinen Übertritt in den Ruhestand.

Zu meinen bereits vorhandenen mediterranen Kübelpflanzen mussten sich einfach einige schöne Zitruspflanzen gesellen, die aus dem Überschuss der Schönbrunner Sammlung erworben wurden. Die neu gewonnene Freizeit wurde zum Bau eines Überwinterungshauses genutzt, welches im nächsten Frühjahr offensichtlich noch genügend Raum für einige weitere Raritäten bot. Durch den Größenzuwachs der bisherigen und den Platzbedarf der neuen Pflanzen war dann im Herbst eine logistische Meisterleistung und die Montage von zusätzlichen Regalen notwendig, um alle Pflanzen fachgerecht unterzubringen.

Im folgenden Frühjahr, anlässlich der Wiener Zitrustage, war es natürlich verlockend und unbedingt notwendig, einige weitere besonders schöne und seltene Exemplare vor dem Zugriff anderer Interessenten in Sicherheit zu bringen. Der nächste Winter war ja noch so weit… Natürlich erwies sich das Überwinterungshaus im Herbst als hoffnungslos zu klein, so dass ich mich entschloss, meine Großpflanzen Oleander, Enzianbaum, Hammerstrauch und Fuchsie einem professionellen Gärtner zur Lohnüberwinterung anzuvertrauen. Seither ist bereits der zwölfte Frühling ins Land gezogen, in dem ich aus den geschilderten Gründen allen Versuchungen schmerzlich
widerstehen musste, auch noch so begehrenswerte Neuzugänge zu
erwerben.

Als sehr wirksame Linderung erweist sich dann das dunkelgrüne Laub, der einmalige Duft der Blüten sowie die Früchte in allen Formen, Farben und Reifezuständen der bestehenden Sammlung.

Mittlerweile hat sich mein Wissen um die optimale Kultivierung meiner Lieblinge durch ausreichende Literaturstudien und vor allem die persönliche Beratung des Schönbrunner Zitruskultivateurs Heimo Karner auf ein zufriedenstellendes Maß gehoben. Ich verwende selbst hergestelltes Substrat, leichter transportierbare Plastiktöpfe, die während der Saison aus Gründen der Optik, des Überhitzungsschutzes der empfindlichen Wurzeln und der Standsicherheit in schönen Terrakottatöpfen Platz finden, und versorge die Pflanzen mit eigens gesammeltem Regenwasser und speziellem Dünger. Schönes Laub, viele Blüten und Früchte sind mein Lohn.

Eigentlich ist es wunderbar, vom Zitrus-Virus befallen zu sein! Eine Heilung wünscht sich keinesfalls

Ihr

Peter Fischer-Colbrie